2.11 Das Stigma Modul

Introduction:
Vom 4. August bis 3. November 2004 führten wir Liga Krastina (Lettland) und Jan Weber (Deutschland), in Zusammenarbeit mit dem ghanaischen Projektpartner, dem National Youth Council (NYC) Ghana, vertreten durch den NYC-Co-ordinator Jerry Agbo, im Rahmen des ASA- Programms eine zweite HIV/AIDS-Aufklärungskampagne im Akatsi District/Volta Region/Ghana durch. Dabei wurden insgesamt 32 Dörfer und Schulen des Akatsi Districts besucht.
Im Rahmen der Vorbereitungen auf unser Programm gelang es uns, ein eigenes Stigma Modul zu entwickeln. Das Stigma Modul fügt sich in den methodischen Rahmen unserer ASA-Vorgänger aus dem Jahr 2002 ein.

Das Stigma Modul:
In der Kampagne im Jahr 2002 stand am Ende des Programms die Thematisierung von Teenagerschwangerschaften mit Hilfe von "Leticias Geschichte". Wir hingegen hatten uns aufgrund von Hinweisen unserer Vorgänger entschlossen, den Focus der HIV/AIDS Aufklärungskampagne 2004 auf die Stigmatsierungs-Diskriminierungs-Problematik in Bezug auf HIV-Infizierte und an AIDS Erkrankten zu verschieben, zumindest aber zu erweitern. Dieses Ziel versuchten wir mit dem von uns entwickelten Modul, "der Geschichte vom Fuchs und vom Hahn", zu erreichen.
Die Geschichte und eine weitere von uns entwickelte und verwendete Erklärungsstrategie sind, zusammen mit dem methodischen Rahmen in dem wir sie verwendeten, nachfolgend dokumentiert.

Die Geschichte vom Fuchs und vom Hahn
Das Stigma Modul
Ziele:
Das Publikum wird für die soziale Situation von HIV-Infizierten und an AIDS Erkrankten sensibilisiert. Es lernt bzw. festigt sein Wissen um die Gefahrenlosigkeit von "alltäglichen" Kontakten auch mit HIV-Infzierten bzw. an AIDS Erkrankten. Stigmatisierungs- und Diskriminierungstendenzen wird entgegengewirkt.

Materialien:
Einen Ausdruck der Geschichte vom Fuchs und vom Hahn

Beschreibung:
Erzählung und Laienschauspiel.

Durchführung:
Bedingt durch den märchenhaften Charakter der Geschichte eignet sie sich für alle Altersgruppen. Die Geschichte wird von einem Erzähler vorgetragen. Weiterhin werden zwei Protagonisten benötigt, die als Fuchs und als Hahn agieren. Sie müssen die Geschichte gut kennen und bei den im Text fettgedruckten Signalwörtern, kleine schauspielerische Einlagen darbieten. Das Publikum wird vor dem Beginn der Geschichte aufgefordert, sich einen Partner zu suchen. Dabei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass der Partner niemand sein muss, den man kennt, sondern einfach der gerade neben einem sitzende oder stehende Nachbar gewählt werden sollte. Weiterhin wird das Publikum dazu aufgefordert, die jeweiligen schauspielerischen Einlagen der Protagonisten zusammen mit ihrem Partner nachzuahmen.
Da die Geschichte auf Englisch und nicht in der lokalen Stammessprache verfasst wurde, wurde sie bei den Programmen von unseren Übersetzern, Satz für Satz, übersetzt. Schüler und Jugendliche, die in der Schule Englischunterricht haben, sollten der Geschichte auch ohne Übersetzung folgen können.

Die von uns geschriebene und verwendete Geschichte vom Fuchs und vom Hahn:

The Fox and the Cock

Once upon a time there lived a foxa Freddy. Next to his house was a chopbarb where a cockc sold fufud, banku and akple. The name of the cock was Compassion. Freddy never bought fufu at the cock’s chopbar because he was afraid of his red combce. Freddy thought that it was fire that could burn him. The fox was so afraid that he ran away any time he saw the cock.
One day dark clouds were gathering over the village where the fox Freddy and the cock Compassion were living. It started to rain heavily. It was a big stormf – the wind was blowing, the trees were moving, thunder and lighting were coming from the sky. Everybody tried to find shelter from the storm. It was already dark when the cock Compassion was running in the rain and he was happy to find an old but dry hut. He went in and sat down.
At the same time the fox Freddy was also running in the rain and looking for a dry place. He found the same hut and went in. As he entered he touched the cock’s shoulderg and knew that he was not alone. Somebody was with him, but he could not see who it was because it was pitch dark inside the hut.
The fox Freddy and the cock Compassion shook hands and started to talkh. The rain wouldn’t stop, so they talked for a long time. They liked each other and became friendsi. But the fox did not know that he was talking to the cock Compassion. It rained for many hours, and finally they both fell asleepj.
In the morning the storm was over. Freddy the fox was the first to wake up. And then he saw the cock Compassion sleeping beside himk. At first he was very frightened because of the red comb on the cock’s head. But then he came closer, touched the cock’s headl, and realised that it was not a fire, but only the cock’s comb. So he was not afraid anymore that it could hurt him. When the cock Compassion woke up they both went to his chopbar and ate fufu togetherm.
From that time on, the fox Freddy and the cock Compassion were very good friendsn. Freddy often came to the chopbar to buyo fufu and akple from the cock. He was not afraid of the cock anymore. He knew now that it is not dangerous to be a friend of Compassion and to eat fufu together with himp.
Every time the fox said bye-bye to the cock, they shook handsq, they hugged each otherr, and they even kissed each others, because they were good friends nowt.
This is the story about the fox and the cock. But there is something that we as human beings can learn from it. Now, imagine that you hear that somebody you know is infected with HIV. At first you might be scared to approach him or her. Just like the fox was afraid to approach the cock because he thought that the red comb on his head was dangerous.
But we know that even if somebody is infected with HIV, we won’t get infected by touching him, eating together, shaking hands with him, or even give him a kiss or by buying food from himu. We should approach people with HIV like we approached each other now, and we will see that they are not dangerous to us in everyday contact. On the contrary – the whole society can benefit a lot if people with HIV continue working at their workplaces and live together with their families.


Dauer:
Ca. 3 Minuten für die vorbereitenden Erklärungen, 10-15 Minuten für die Geschichte, abhängig von der Notwendigkeit einer Übersetzung in die Lokalsprache. Zudem sollten einige Minuten für eine sich eventuell anschließende Diskussion eingeplant werden.

Probleme:
Situationsabhängig kann es sinnvoll sein, von einem Vortrag der Geschichte in Englischer Sprache Abstand zu nehmen und eine Übersetzung der Geschichte in die jeweiligen Lokal- oder Stammessprache anzufertigen und zu verlesen.

Erläuterungen, Erweiterungen und Alternativen:
  1. Da es in Ghana kein mit einem europäischen Fuchs vergleichbares Tier gibt, wurde das Wort Fuchs von unseren Übersetzern mit dem Ewe-Wort für Buschhund übersetzt.
  2. Als "Chopbars" werden in Ghana kleine "Restaurants" bzw. Küchen am Straßenrand bezeichnet, in denen man zu niedrigen Preisen eine warme Mahlzeit erwerben kann. Die Bezeichnung sollte bei einer Verwendung der Geschichte in einem anderen Kontext angepasst werden.
  3. Die Verwendung des englischen Begriffs Cock muss je nach lokalem Kontext überdacht werden. In US-amerikanischem Englisch steht das Wort Cock auch als Synonym für Penis und wäre daher denkbar unangebracht. Als Alternative bietet sich hier das Wort "Rooster" an.
  4. Fufu, Banku und Akple sind die ghanaischen Nationalgerichte und zumindest in der Volta Region fast täglich auf dem Speiseplan zu finden. Auch diese Bezeichnungen sollten, bei der Verwendung der Geschichte in einer anderen Region oder einem anderen Land, angepasst werden.
  5. Zur besseren Visualisierung des roten Kamms des Hahns, aber auch der Ohren und des Schwanz vom Fuchs, kann hier der Kreativität und Phantasie freier Lauf gelassen werden. Aus Pappe, Federn und ein wenig Farbe lässt sich leicht ein Hahnenkamm, aber auch eine Fuchsmaske basteln.
  6. Um den Sturm eindrucksvoller darzustellen, können hier z.B. Rasseln, Plastikschläuche und Bleche zum Einsatz kommen. Auch der Regen lässt sich mit ein paar Wassertropfen auf das Publikum besser nachvollziehen. Es ist jedoch wichtig darauf zu achten, dass das Publikum nicht zu sehr vom Handlungsstrang der Geschichte abgelenkt wird.
  7. An dieser Stelle ist erstmalig das schauspielerische Talent der Protagonisten gefragt. Wir stellten die erste Berührung vom Fuchs und vom Hahn dar, in dem wir uns gegenseitig sanft mit der Schulter "anrempelten". Es ist hier eventuell wichtig, die Menschen im Publikum daran zu erinnern, dass von den Protagonisten "vorgespielte" mit ihrem Partner nachzuahmen.
  8. Hier schütteln sich "der Fuchs" und "der Hahn" die Hand.
  9. Die entstehende Freundschaft stellten wir dar, in dem die beiden Protagonisten sich, nebeneinanderstehend, gegenseitig den Arm um die Schultern legten.
  10. Den Schlaf stellten wir dar, in dem einer der Protagonisten seinen Kopf auf die Schulter des anderen Protagonisten legte und dabei seiner übereinandergelegten Hände als Unterlage für seinen Kopf benutzte.
  11. s. j)
  12. Einer der Protagonisten (bzw. der mit der Fuchsmaske) streicht mit seiner Hand über den Kopf des anderen Protagonisten. (Evtl. muss das Publikum nochmals aufgefordert werden es den Protagonisten nachzutun, meistens ist dies jedoch nicht nötig).
  13. An dieser Stelle formt einer der beiden Protagonisten mit seinen Händen eine Schale, während der andere Protagonist so tut, als würde er mit den Händen aus dieser Schale essen. (Es ist auch möglich hier mit einem echten Teller zu arbeiten, wobei dies beim Publikum zu Verwirrung führen kann, da es keine Teller zur Verfügung hat).
  14. s. i)
  15. Hier zählt der eine Protagonist dem anderen "imaginäres" Geld auf die Hand. (Evtl. kann hier auch mit echten Geldscheinen oder Münzen gearbeitet werden).
  16. s. i) und m)
  17. s. h)
  18. Hier umarmen sich die Protagonisten, was im Publikum meist schon zu freudiger Aufregung führt, die sich bei der gleich darauf folgenden schauspielirischen Einlage noch steigert.
  19. An diesem Punkt kommt es normalerweise zu etwas Aufregung und Gelächter im Publikum, besonders wenn tatsächlich jemand einen "Partner" hat, den er vorher nicht kannte oder zwei Personen gleichen Geschlechts nebeneinander sitzen. Wir stellten den Kuss dar, in dem sich die beiden Protagonisten gegenseitig auf die Wange küssten. Je nach Konstellation ist aber auch ein vorsichtiger Kuss auf den Mund denkbar. Es ist hier jedoch wichtig, auf die jeweiligen kulturellen und religiösen Sittlichkeitsvorstellungen Rücksicht zu nehmen, da sich das Publikum sonst über die Maße provoziert fühlen könnte.
  20. s. i)
  21. An dieser Stelle werden der Reihe nach schnell alle oben beschriebenen schauspielerischen Einlagen wiederholt. Situationsbedingt kann darauf jedoch auch verzichtet werden, da es wichtig ist, dass die Botschaft der Geschichte nicht "überhört" wird.
Aufgrund der von uns gemachten Erfahrungen bei unserer Kampagne, der Fragen des- und der Diskussionen im Publikum sowie zahlreichen Gesprächen, die wir mit vielen Menschen in Ghana führen konnten, können wir bestätigen, dass die Stigmatisierung und Diskriminierung von mit HIV/AIDS lebenden Menschen zu den vordringlichsten Problemen der HIV/AIDS-Aufklärungs- und Präventionsarbeit in Ghana gehört.
Das von uns entwickelte und verwendete "Stigma Modul" bietet die Möglichkeit einer ersten Annährung an das Thema. Im Rahmen der von uns durchgeführten Kampagne "funktionierte" die "Geschichte vom Fuchs und vom Hahn" überraschend gut. Oft vertraten Menschen aus dem Publikum in der Diskussion zu vorherigen Modulen bzw. Programmpunkten, die Meinung, dass HIV-Infizierte Menschen eingesperrt oder sogar umgebracht werden müssten. Auch konnten sich viele nicht vorstellen einen HIV-Infizierten bzw. an AIDS Erkrankten zu berühren oder mit ihm oder ihr zu essen. Während unserer Geschichte vergaßen sie jedoch vorher formulierten Ängste und "spielten ihre Rolle" mit Begeisterung. Erst mit der moralischen Botschaft am Schluss der Geschichte wurde ihnen bewusst, dass wir sie überlistet und sie gerade das durchgespielt hatten, was sie vorher für undenkbar hielten.
Abgesehen davon bereiteten die kleinen schauspielerischen Einlagen von uns dem Publikum viel Spaß und Freude.
Klar ist, dass das Stigma Modul weit von einem ernsthaften Problemlösungsansatz in Bezug auf die Stigmatisierungs-Diskriminierungs-Problematik, in Zusammenhang mit HIV-Infizierten und an AIDS Erkrankten, entfernt ist. Wir hoffen jedoch, dass wir zumindest bei Teilen unseres Publikums in Ghana einen Anstoß zur Veränderung von eingefahrenen Denkmustern geben konnten.

Die Geschichte vom Fuchs und vom Hahn steht auch in weiteren Sprachen zur Verfügung.

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